Erste Hilfe beim kranken Hund

Autorin: Dr. med. vet. Sunayana Mitra


Wenn wir an erste Hilfe bei unseren Hunden denken, so sollte sich das nicht nur auf lebensbedrohliche Zustände beschränken.
Irgendwann wird jeder Hund einmal krank und wenn man ihn durch sorgfältiges Beobachten genau kennengelernt hat, wird einem jede Veränderung an ihm sofort auffallen.
Es handelt sich hierbei um Veränderungen in seinem

  • Aussehen und Benehmen,
  • Appetit, Kot- und Harnabsatz,
  • Körperhaltung und Gang sowie
  • Veränderungen seines Wesens.

Es muß nicht immer das Schlimmste dahinterstecken, trotzdem ist eine gründliche Beobachtung aller Veränderungen notwendig. Am besten ist es, wenn man sich diese sogar schriftlich notiert, damit man dem Tier-arzt später einen genauen Vorbericht geben kann und in der Auf-regung nicht einen wichtigen Punkt vergißt. Je genauer Sie Ihre Beobach-tungen schildern können, um so besser kann Ihr Tier behandelt werden.

Erkennen von Krankheiten und erste Hilfemaßnahmen

Jeder Hundebesitzer sollte die normalen physiologischen Daten seines Hundes kennen, damit er den Schweregrad einer plötzlichen Krankheit beurteilen kann und nicht bei Kleinigkeiten stark beunruhigt ist.

Wenn sich ein Hund " nicht wohlfühlt " , sollte zuerst einmal das Fieber gemessen werden.

Fieber messen

Die innere Körpertemperatur sollte immer im Ruhezustand des Hundes gemessen werden, da Aufregung, Hitze, vorheriges Füttern oder Laufen die Temperatur erhöht. Der Ruhezustand tritt normalerweise nach 20 Min. ein.

Am besten hält eine Hilfsperson den Kopf des Hundes, damit man das gut eigefettete Thermometer ca. 5 cm in den Enddarm einführen kann. Während man 3 Minuten lang mißt, sollte man das Thermometer gut festhalten und eventuelle Abwehrbewegungen des Hundes durch gutes Zureden verhindern.

Die normale innere Körpertemperatur beträgt

- beim großen Hund 37,5 - 38,5 ° C,

- bei kleineren Hunden und Welpen 38,7 - 39 °C.

Temperaturen über 39 °C gelten als Fieber,

Temperaturen unter 36 °C als bedrohliche Untertemperatur.

Bei Über- oder Untertemperatur sollte so bald als möglich ein Tierarzt aufgesucht werden.

Beurteilung des Kreislaufzustandes

Der Kreislauf zeigt die Schwere einer Allgemeinerkrankung an und ist ein sehr wichtiger Parameter. Man beurteilt ihn an der Farbe der sichtbaren Schleimhäute und am Puls, bzw. am Herzstoß.

Schleimhäute

Die Bindehaut an den Augen wird durch Herabziehen des Unterlides beurteilt. Auch das Ansehen der Lefzeninnenseite, des Zahnfleisches und der Zunge geben Auskunft über eine ernste Kreislaufsituation.Gesunde Hunde haben eine rosarote Farbe aller dieser Schleimhaut-partien, wobei besonders die Lefzenschleimhäute teilweise pigmentiert seinkönnen.Bei Aufregung sind die Schleimhäute deutlich röter, verblassen aber zur Normalfarbe, wenn der Hund zur Ruhe gekommen ist.

Hochrote Schleimhäute weisen auf Entzündungen und Stauungen hin.Blasse bis weiße Schleimhäute auf Blutarmut, innere Blutungen, ernste Kreislauf-schwäche, Vergiftungen u.a.m.Bläuliche Schleimhäute sieht man bei Sauerstoffmangel, Herz- und Lungenerkrankungen.

Alle Farbveränderungen der Schleimhäute sind ernste Krankheitsanzeichenund erfordern einen sofortigen Tierarztbesuch.

Puls

Der Puls wird an der Innenseite des Oberschenkels im Schenkelkanal gefühlt. Da-zu legt man die rechte Hand auf die Innenfläche des rechten Oberschenkels und fühlt den Puls mit dem Mittelfinger.Die normale Frequenz beträgt 70 - 120 Schläge pro Minute, wobei kleinere Hunde und Welpen einen schnelleren Pulsschlag haben als erwachsene, großwüchsige Hunde.Der Puls erhöht sich physiologisch bei Aufregung, Anstrengung, Fressen,Fieber u.s.w. und sollte nur im Ruhezustand des Hundes beurteilt werden,d.h. wieder 20 Min. später.

Krankhaft sind: ein sehr schneller, klopfender Puls,

ein schwacher, fader Puls,

ein nicht fühlbarer Puls.

Bei allen Veränderungen des Pulses sollte ein Tierarzt zu Rate gezogen werden.

Durch häufiges Üben lernt man den Puls des eigenen Hundes kennen undkann seine Schwankungen bei verschiedenen Aktivitäten, wie nach demLaufen, nach Anstrengungen, beim Fressen und in Ruhestellung besserbeurteilen.

Herzschlag

Den Herzspitzenstoß kann man an der linken Brustwand hinter dem Ell-bogengelenk deutlich fühlen.

Die Normalfrequenz beträgt 70 - 120 Schläge pro Minute.Erhöhte Frequenzen sind: 130 - 180 Schläge pro Minute,Erniedrigte Frequenzen sind: 50 Schläge pro Minute und darunter.

Bei allen Veränderungen der Herzfunktion sollte das Tier einem Tierarztvorgestellt werden.

Beurteilung der Atmung

Der Hund atmet im Ruhezustand mit geschlossenem Fang durch die Nase.Die Atemzüge werden durch die Bewegung der Rippen erkannt und hinter der letz-ten Rippe gezählt.

Die normale Atemfrequenz beträgt 40 - 60 Atemzüge pro Minute.Erhöhte Atemfrequenz sind 70 - 120 Atemzüge pro Minute.Erniedrigte Atemfrequenz sind 20 Atemzüge pro Minute und darunter.

Auch die Atemfrequenz wird physiologisch bei Bewegung, Aufregung, Fressen und Fieber erhöht und sollte nach 20 Min. den Normalwert wieder erreicht haben.

Krankhaft ist: andauernd erhöhte Atemfrequenz,

jede erniedrigte Atemfrequenz,

pumpende, stoßweise Atmung,

flache, kaum sichtbare Atmung.

Atemstillstand.

Kreislauf und Atmung gehören zu den Vitalfunktionen, d.h. hier ist die erste Hilfe seitens des Hundebesitzers dringend erforderlich, damit das geschwächte Tier überhaupt lebend beim Tierarzt ankommt.

Es gibt viele Umstände, die beim Tier zu Schockzuständen führen, bei denen Kreislauf und Atmung aussetzen.Beispiele hierfür sind starke Verletzungen durch äußere Gewalt, Vergiftungen, al-lergische Schocks bei Insektenstichen u.a.m.

Die erste Hilfe beim Atemstillstand ist das künstliche Beatmen.Hierfür hält man den Fang zu und bläst durch ein mit den Händen geformtes Rohr die eigene Ausatmungsluft durch die Nasenlöcher in die Lunge des Hundes. Da-bei sollte sich der Brustkorb des Hundes aufblähen. Diese Mund- zu Nasenbeatmung sollte man 8 mal pro Minute wiederholen und erst damit aufhören, wenn der Hund selbst wieder zu atmen beginnt.

Ist die Nase des Hundes selbst verletzt, kann man durch rhythmischeKompressionen des Brustkorbes die Atmung wieder anregen.Dazu legt man den Hund auf die rechte Seite, drückt mit beiden Händenkräftig auf den Brustkorb und läßt wieder los. Dies wird ebenfalls8 mal pro Minute fortgeführt, bis der Hund wieder selbständig atmet.

Beim Herzstillstand wird der Hund, ebenfalls auf der rechten Seite liegend,am Brustkorb, in der Herzgegend hinter dem Ellbogen, 70 mal pro Minutekräftig zusammengedrückt.

Das Hecheln des Hundes wird dagegen nicht zur Bestimmung der Atemfre-quenz herangezogen.Hecheln gilt alleine dem Wärmeausgleich des Hundes, der durch die Haut nicht schwitzen und sich abkühlen kann, wie z.B. das Pferd.Dem Hund gelingt diese Abkühlung durch Hecheln aber nur bis zu einer Außen-temperatur von 27 °C , ohne daß er zuviel Wasser aus dem Körper verliert. Bei hö-heren Temperaturen muß dem Hund deshalb mehrmals Trinkwasser in kleinen Por-tionen zugeführt werden, da andernfalls die Wasserreserven des Körpers erschöpft werden, ja der Hund sogar anKreislaufversagen sterben kann, wenn dieser Zustand länger anhält.Als Beispiel dafür sei hier an die vielen Hunde gedacht, die in den Sommermonaten im Auto eingesperrt und darin unter schrecklichen Qualen verendet sind.

Wir alle wissen, daß sich ein Auto innerhalb von Minuten bis zu 60 °Caufheizen kann, besonders, wenn es in der Sonne steht.



Also gilt die Regel, den Hund bei über 22 °C Außentemperatur niemals im Auto warten zu lassen!

Sehen Sie solch einen überhitzten Hund am Rande seines Kreislaufversagens, mit hochroten bis bläulichen Schleimhäuten, flachhechelnder Atmung und keiner Kraft mehr zu stehen, so dürfen Sie ruhig die Scheibe einschlagen und das Tier befreien. Wickeln Sie den Kopf des Hundessogleich in naßkalte Tücher, wenn nötig sogar den ganzen Körper.Geben Sie Ihm dann mehrmals 1-2 Kaffeetassen voll Wasser zum Trinkenund bringen Ihn schnell zu einem Tierarzt.Eine Hilfsperson sollte natürlich die Polizei verständigen und den Hundebesitzer anzeigen.

Fall Sie den Hund bei kühleren Außentemperaturen einmal im Auto wartenlassen müssen, versäumen Sie bitte nicht, 1-2 Fenster einen Spalt breitoffen zu lassen !!

Nach einem Verkehrsunfall steht der an- oder überfahrene Hund unter Schock. Er kann in Panik geraten und richtungslos davonlaufen und er kann aus Angst und Schmerz um sich beißen.Deshalb bitte besonders die Ruhe bewahren! Sprechen Sie sanft mit dem Tier und leinen sie es zuerst an. Dann hüllen sie den Hund vorsichtig in eine Decke, um ihn zu wärmen. Auch wenn keine äußeren Verletzungen zu erkennen sind, kann der Hund innere Blutungen oder Knochenbrüche haben. Kann der Hund nicht mehr stehen, sollte er in der Decke gleich zum Tierarzt gebracht werden.

Starke Blutungen an den Extremitäten müssen mit dem Notverbandszeugaus dem Verbandkasten im Auto versorgt werden.Legen Sie eine Gaze auf die blutende Stelle und polstern Sie die Stellen reichlich mit Watte, bevor Sie den Verband anlegen.Tritt das Blut an Kopf, Hals oder Körper aus, so muß eine Hilfsperson mit der Hand die Gaze fest darauf drücken, bis der Hund in der tierärztlichen Praxis angekommen ist.

Ein Vorfall des Augapfels aus der Augenhöhle kann beim starken Aufprallen des Kopfes und auch bei Raufereien vorkommen.Nehmen Sie beherzt einen nassen Gazetupfer und drücken Sie das Auge sofort sanft in die Augenhöhle wieder hinein. Wenn Ihnen das gelungen ist, haben Sie das Auge und seine Sehkraft wahrscheinlich gerettet.Gelingt es Ihnen nicht, müssen Sie das vorgefallene Auge dauernd mit einernassen Gaze feucht halten und sogleich einen Tierarzt aufsuchen.

Bei Raufereien können mehr oder weniger schlimme Bißwunden entstehen.Oft ist es ein Problem die ineinander verbissenen Hunde zu trennen.Ein bewährtes Mittel ist, wenn jeder Besitzer seinen Hund an beiden Hinter-läufen packt und in Schubkarrenstellung hochzieht. Natürlich muß dies, nach Ab-sprache, gleichzeitig geschehen! Beide Hunde sind dann so verdutzt,daß sie kurzfristig vom Gegner ablassen. Dann muß man beherzt seinenHund am Halsband fassen und ihn mit einem strengen " Hier! Fuß! " zusich heranziehen, ihn blitzschnell anleinen und in entgegengesetzter Richtung weggehen. Erst, wenn die Kampfhähne einige Meter voneinander entfernt sind, untersucht man seinen Hund auf Verletzungen und tauschtmit dem Gegner die Adressen aus, damit man die versicherungstechnischenMaßnahmen regeln kann.Auch wenn man zunächst keine offenen Wunden erkennen kann, verbergen sich oft kleine Bißwunden unter dem Fell. Diese sollten auf jeden Fall gleichvon einem Tierarzt untersucht und behandelt werden, damit sie sich unter Luftab-schluß nicht entzünden oder gar zu bösen Vereiterungen führen können.

Die erste Hilfe seitens des Besitzers besteht im Ausschneiden der Haare um alle Wunden herum und im Anlegen von Notverbänden bei blutenden Wunden.

Nach Verkehrsunfällen, Raufereien, Stürzen u.v.a.m. könnenKnochenbrüche, Gelenksverstauchungen, Bänderrisse, Ausrenkungenund Bandscheibenvorfälle entstehen, die zu starken Lahmheiten bis zur Lähmung von allen 4 Extremitäten führen können.

 

Knochenbrüche

Zuerst muß man untersuchen, ob ein Knochenbruch offen oder bedeckt ist.Beim offenen Knochenbruch schaut der Knochen aus einer Hautverletzungheraus. Dies ist ein sehr gefährlicher Zustand, weil hier durch Infektion eine eitrige Knochenentzündung entstehen kann. Offene Knochenbrüche müssen mit einem Verband abgedeckt und sofort einem Tierarzt vorgestellt werden.Brüche unter intakter Haut sind weniger gefährlich, so daß man in aller Ruhe das Tier zu seinem Tierarzt -innerhalb der üblichen Sprechzeiten- bringen kann.Verstauchungen, Bänderrisse oder Ausrenkungen eines Gelenkes kann der Be-sitzer selbst nicht unterscheiden. Da das Einrenken eines Gelenkes mög- lichst so-fort erfolgen sollte, ist es in jedem Falle anzuraten, das verletzteTier gleich einem Tierarzt vorzustellen.

Bandscheibenvorfälle können mit und ohne Unfall und bei entsprechend veran-lagten Hunden " einfach so " entstehen.Der Hund ist dann äußerst schmerzhaft, verkrampft und kann nicht mehr stehen. Drückt die Bandscheibe auf Nervenwurzeln, schreit der Hund nur bei einer be-stimmten Bewegung oder er schreit ununterbrochen.Wenn der Hund vor Schmerz beim Berühren um sich beißt, muß man ihmz.B. ein Nylonmaulgeschirr anlegen, ihn behutsam auf eine feste Unterlageheben und ihn darauf liegend sogleich zum Tierarzt transportieren.Schmerzmittel aus der Menschenapotheke sind für den Hund oft unverträg- lich und sollten nur auf Anraten des Tierarztes gegeben werden.

Eine bedrohliche Situation kann von Insektenstichen hervorgerufen werden. Schnappt ein Hund nach Wespen und wird er in den Rachengestochen, kann dieser innerhalb von Minuten zuschwellen, so daß der Hund kei-ne Luft mehr bekommt. Wenn Sie sehen, daß Ihr Hund gestochen wurde oder wenn sein Kopf zu-nehmend unförmig anschwillt, dann geben Sie ihm sogleich 1 - 2 AmpullenFrubiase Calcium forte ein. Kalzium wirkt stark antiallergisch und verhindert das Anschwellen.Sie könnten Ihrem Hund damit durchaus das Leben gerettet haben, bevor Sie einen Tierarzt erreichen.

Damit bin ich am Ende meines Vortrages und möchte Ihnen noch ein paarTips für Ihre Hunde-Hausapotheke geben.Alle Medikamente darin sollten gekennzeichnet sein. Verlangen Sie beim Tierarzt Originalverpackungen oder lassen Sie sich den Namen des abgegebenen Medika-mentes auf die Tüte schreiben, damit z.B. der Notdiensthabende Tierarzt weiß, welche Medikamente Sie bereits gegeben haben.Schreiben Sie sich eine Liste, die in der Hundeapotheke liegt. Auf der Liste sollten die Medikamente stehen, die Ihrem Hund verordnet wurden. Bei einem Notfall brin-gen Sie die Liste mit in die Tierarztpraxis.

Ich habe Ihnen eine Notfallapotheke für Ihren Hund zusammengestellt, die Ihnen die " erste Hilfe " für Ihren Hund bei den vielen Unpäßlichkeiten, dieim Alltag vorkommen, ermöglichen soll.

Für alle Fälle sollten Sie sich z.B. vor einem Urlaub informieren, wo der nächste Kleintierpraktiker an Ihrem Urlaubsort sitzt, und für zu Hause,welche Praxis nachts und an den Feiertagen Bereitschaftsdienst hat, damit Sie im Ernstfall nicht lange einen Tierarzt suchen müssen.