Aufzucht von Vögeln

Autorin: Dr. med. vet. Sunayana Mitra

Grundsätzlich werden Vogelkinder, die bei ersten Flugversuchen aus dem Nest gefallen sind, am Boden von den Eltern weitergefüttert. Greifen Sie hier möglichst nicht in die Natur ein. Haben Sie dennoch ein Vogelkind in Obhut, sind hier die wichtigsten Regeln aufgelistet.

1. Körnerfresser

(haben einen etwas dicken, kegelförmigen Schnabel, z.B. Spatz, Grünfink, Buchfink, Kernbeißer)

Futterbrei

  • 100 g Tartar
  • 1 Eigelb (12 Minuten gekocht)
  • 1 gehäufter Esslöffel Quark 10 %ig
  • 5 Esslöffel Aufzuchtfutter für Kanarien
  • Soviel Wasser hinzugeben, bis es ein Brei entsteht,aus dem sich kleine Kügelchen formen lassen.

Die Futtermischung in kleinen Portionen einfrieren und für jeweils 3 – 4 Fütterungen (etwas stündlich) auftauen, im Kühlschrank aufbewahren, handwarm füttern. Die Futterkügelchen vor Verabreichen durch Wasser ziehen.

Hat der Vogel bereits Federn (z.T. noch in Hornhülsen) muss etwas (wenig) Waldvogelfutter in den Brei gegeben werden.

Verlässt der Vogel das Nest oder ist bereits halbflügge, wird er nach einigen Tagen schon etwas Futter aufnehmen, Dafür etwas Futterbrei (mehrmals am Tag auswechseln), in Was-ser eingeweichtes Waldvogelfutter (im Sieb gut abgespült!) und Wasser in flachen Schäl-chen in den Käfig stellen.

Das Aufzuchtfutter weiter geben, bis der Vogel reichlich Futter selbständig frisst.

2. Insekten- bzw. Weichfutterfresser

(schmaler, länglicher Schnabel)

Futterbrei

  • 100 g Tartar
  • 1 Eigelb (12 Minuten gekocht)
  • 1 gehäufter Esslöffel Quark 10 %ig
  • 2 Esslöffel Fett-Alleinfutter, Typ II von der Firma Claus.

Allerdings erst ab dem 3. Tag nach der Aufnahme des Vogels.

Soviel Wasser, dass ein Brei entsteht, aus dem sich Futterbröckchen formen lassen.

Futtermischung in kleinen Portionen einfrieren und für mehrere Fütterungen (etwa stünd-lich) auftauen, im Kühlschrank aufbewahren, handwarm füttern. Die Futterbröckchen vor Verabreichen durch Wasser ziehen.

Wichtig: Alle Drosseln (Amsel , Wacholder-, Sing- und Misteldrossel), Stare und Rabenvö-gel (Eichelhäher, Elster, Krähe) müssen etwas Garten- oder Walderde in das Futter gerührt bekommen. Sie enthält Stoffe für den Knochenbau. Auch einige Regenwürmer pro Tat sind dafür förderlich.

Einige Tage nach Verlassen des Nestes muss der Vogel etwas Futterbrei und das Fett-Alleinfutter, Typ II und in einer flachen Schale Wasser bereitgestellt bekommen.

Alle Drosseln und Rabenvögel sowie Spechte brauchen das Fett-Alleinfutter, Typ III (eben-falls von der Firma Claus) und ebenfalls Wasser.

Den Futterbrei so lange weiterfüttern, bis der Vogel von selbst reichlich frisst.

3. Tauben

Futterbrei

aus einem Instant-Körnerbrei für Babies mit Wasser zubereiten. Je nach Alter bekommen sie davon mit einer 2 cm³-Spritze über den Tag verteil 30 – 100 cm³ (auch etwas mehr) direkt in den Schnabel (die Spritze möglichst weit hinten ansetzen).

Mit etwa 3 Wochen beginnen die Täubchen Körner (Weizen, Hafer, Hirse usw.) aufzupi-cken und Wasser zu trinken.

Entenküken

Futterbrei

  • 1 große gekochte Kartoffel
  • 1 Ei (12 Minuten gekocht)
  • 1 Esslöffel Haferflocken

Alles mit einer Gabel zerdrücken, etwas gehackte Brennesselblätter dazugeben und etwas Wasser darüber gießen (Enten gründeln gerne)

Von dem Futterbrei anfangs alle drei Stunden, später 4 – 5 mal am Tag anbieten. Dazu im-mer frisches Drinkwasser stellen. Entenküken nehmen das Futter selber auf. Eineinzelnes Küken braucht die ständige Nähe der Ersatzmutter. In einer Stofftasche, ausgelegt mit Kü-chenpapier und oben gut verschlossen (die Küken klettern!) muss man es mit sich herum-tragen. Nachts wird die Tasche so an der Zimmerdecke aufgehängt, dass sie sich über dem Kopf deer „Mama“ befindet. Es kann dann schnell beruhigt werden, wenn es zu rufen be-ginnt. Weil die Glucke das Gefieder der Kleinen nicht fettet, dürfen Entenküken erst mit 4 – 5 Wochen und anfangs nur unter Aufsicht baden. Sie können sonst ertrinken.

Besser und leichter ist es, wenn auf einer Aufzuchtstation bereits Entenküken gepflegt werden und das einzelne Küken mit diesen aufwachsen kann. Die Mutter wird dann nicht vermisst (Siehe auch nachfolgend Punkt 7).

Ab etwa der 5. Woche brauchen Enten auch Körnerfutter.

Was noch gut zu wissen und wichtig ist.

  • Dosenfutter für Katzen ist in Bröckchen gefuttert als Überbrückung geeignet, aber nur bis der Futterbrei hergestellt ist.
  • Wasser muss in und am Futterbrei genügend vorhanden sein. An heißen Sommertagen gibt man aber nach der Fütterung zusätzlich einige Tropen mit einer Spritze in den Schna-bel (man kann auch mit dem Finger in den Schnabel tropfen).
  • Immer füttern, wenn der Vogel bettelt, auch wenn erst vor 30 Minuten Futter gegeben wur-de.
  • Unbefiederte Vögel auf einer in ein Tuch gehüllte Wärmflasche halten, leichtes Tuch dar-über decken.
  • Die Augen öffnen sich am 5. / 6. Tag.
  • Gefüttert wird mit stumpfer Pinzette oder einem Holzstäbchen, das oben glatt sein muss.
  • Lernt der Vogel zu trinken, sollte ein flacher Stein in der Wasserschale liegen, damit das unerfahrene Kleine nicht im Wasser sitzen kann.
  • Gegen Ende der Aufzuchtszeit dem Tier Gelegenheit zum Baden geben. Das regt die Fett-produktion an.
  • Kleine Meisen brauchen, wenn sie Futter aufzunehmen beginnen, Sonnenblumenkerne und Nüsse zum Üben.
  • Aufzucht mit Mehlwürmern pur ist nicht möglich, führt zu Mangelerscheinungen und zu ei-ner Vergiftung.
  • Wird der Vogel selbständig, muss er Futterpflanzen kennen lernen, z.B. (halb)reifer Löwen-zahn (Flughaare abschneiden), Hirteltäschel, Sauerampfer, Sonnenblumenkerne (ganzer Fruchtstand), Zweige von Ahorn und Hainbuche. Insektenfressern sammelt man Raupen (kleine schwarze oder behaarte) Spinnen, Zweige mit Blattläusen, Asseln und für Drosseln und Rabenvögel Regenwürmer.
  • Spatzen, Stare, Tauben und Rabenvögel werden während der Aufzucht sehr zahm und müssen deswegen in menschlicher Pflege und Gesellschaft bleiben. Kommen sie gegen Ende der Fütterungsphase zu Artgenossen, können sie sich noch vom Menschen entfrem-den. Bitte rechtzeitig Kontakt zur Aufzuchtsstation in Mössingen aufnehmen (siehe Punkt 17)
  • Zur Vorbereitung auf das Leben in freier Natur muss der Käfig für einige Zeit das Tages ge-gen Ende der Aufzucht, z.B. auf Balkon oder im Garten (Vorsicht Katzen!) stehen, ohne di-rekte Sonneneinstrahlung. Ideal ist eine Voliére, ausgestattet mit Ästen, Zweigen und teil-weise überdacht. Evtl. übernimmt die Aufzuchtsstation in Mössingen die Auswilderung.
  • Ein Vogel ist selbständig, wenn er genügend Futter aufnimmt und schon über Tage kein Aufzuchtsfutter zugefüttert wurde. Auf keinen Fall genügt es, wenn der Vogel fliegen kann. Das Gefieder muss gut entwickelt sein.
  • Lässt man den Vogel im Zimmer frei herumfliegen, müssen Gefahren ausgeschaltet wer-den. Z.B. Fensterscheiben verhängen, keine mit Wasser gefüllten Behälter offen stehen lassen. Vögel sitzen gern auch mal am Boden, können zwischen Türen geraten, picken an Zimmerpflanzen (evtl. giftig).
  • Therapiezentrum für Vögel, Ziegelhütte, 72116 Mössingen, Tel: 07473-1022

Vögel, die aufgrund einer gesundheitlichen Behinderung (z.B. schlecht verheilter Flügelbruch, Fußschäden, mangelhaftes Gefieder usw.) nicht für das Leben in freier Natur geeignet sind, dür-fen in menschlicher Obhut bleiben.

Dasselbe gilt für zahm gewordene Vögel, die in Abhängigkeit vom Menschen leben.

Gesunde Vögel müssen in die Freiheit entlassen werden. Das ist eine gesetzliche Vorschrift.